Der Gedok zum 89.

Rede von Adrienne Goehler anläßlich der Ausstellung „DAS FEST“ am 24.10.2015

Liebe Gäste,
meine liebe ( ) Gedok,

pardon, es ist für mich noch sehr ungewohnt dich so zu nennen, aber du hast ja darauf bestanden, jetzt, ab 89, wo dir endgültig die Hutschnur geplatzt ist, nicht mehr Tante genannt zu werden, eben um nicht länger wie eine zu wirken. „Ich werde jetzt mein Leben ändern“, hast du uns alle ohne Vorwarnung wissen lassen, „ich muss mich bewegen bewegen. Ich warte auch nicht bis ich 90 bin, es muss jetzt sein. Subito. Pronto. Als erstes also ein Fest.

Natürlich hast du alle verwirrt, das weißt du. Ich find’s ja gut, dass du dich jetzt aufmachen willst, nach deinem langen reputierlichen Leben, bei dem du, wie sehr viele Frauen deiner Zeit, alles der vermeintlichen Vernunft geopfert hast; lieber die Luft angehalten und tief geschluckt, statt aufzubegehren.

Keine Frage, du hast das Erbe deiner Mütter tadellos verwaltet, die Tradition hochgehalten und früher als andere Vereinigungen, Frauen über kunstsparten hinweg an dich zu binden verstanden. Du warst und bist die stille, arme Verwandte der Akademien geblieben, die ja doch vorzugsweise vor allem dem männlichen Geschlecht.
Du hast Dankbarkeit dafür gezollt, dass du in der Tundra, dieser kargen Sub-ventionslandschaft für Künstlerinnen von dieser Stadt ein bescheidenes Abonne-ment bekommen hast, als keine Mäzenin mehr einen schönen Ort bereithalten konnte. Solch einen Ort erhalten zu können, mit offenem Zutritt für Eingeweihte 1x im Monat ist ein Privileg. Das haben nicht viele. Du hast das hingekriegt, weil
es dir immer eingeleuchtet hat, seit du Virginia Woolf gelesen hattest.
Durch diese Sicherheit warst du vielen Frauen so etwas wie einen Schutzraum,
ein fragloser und ein unhinterfragter, du warst da, für die Frauen die dir vorgeschlagen wurden; anderes zu fordern und andere(s) zu fördern kam dir nicht in den Sinn. So hatte man dich erzogen, so hattest du es auch lange Zeit richtig und alternativlos gefunden.

Ob es dann wirklich diese vergilbte Postkarte war, die du unlängst wieder gefun-den hattest: „Brave Mädchen kommen in den Himmel, böse Mädchen kommen überall hin“, die bei dir einen gewissen Furor verursacht hat, weiß ich nicht genau.

Aber es hat doch viele in der Familie gewundert, sogar, möchte ich meinen, Eure Präsidentin, als du aus scheinbar heiterem Himmel heraus sagtest, dass Sicherheit und Bescheidenheit auch selbstgefällig mache und dass du dich wie in einem Sanatorium fühltest. Ziemlich homogen in jeder Hinsicht, Alter, soziale Herkunft, weiß. überwiegend deutsch…, ein bisschen zu ruhig gestellt.
Aber heute, hast du gemutmaßt, wäre dies eben nicht mehr genug, einerseits oder auch zu viel, um es nicht zu teilen.

Ich glaube ja, es saß wie ein tiefer Stachel, dass deine 11 Jahre jüngere Schwester aus Stuttgart sich vor dir damit brüstete, nicht nur das viel größere Atelierhaus zu haben, sondern auch die attraktivsten jüngsten Mitglieder.

Denn während du hier nur für Mitglieder offen bist, hat die Stuttgarterin selbst-bewusst ausgerufen, dass sie dort Anfängerinnen und Anfängern Möglichkeiten bieten, sich mit professionellen Künstler_innen auszutauschen und hinter die Kulissen des Kunstbetriebes zu blicken. Durch die Zusammenarbeit mit jungen Kurator_innen und Künstler_innen von internationaler Bedeutung habe sie eine Öffnung der Vereinsgrenzen geschaffen und sehr aktiv die Vernetzung mit anderen Kunstinstitutionen betrieben. Durch die Arbeit mit kunsttheoretischen Texten und den Austausch mit Wissenschaftler_innen will sie eine Schnittstelle zwischen Theorie und künstlerischer Praxis bilden.

Aber wirklich entschlossen zum Handeln hat dich gemacht, dass deine kleine schwäbische Schwester ihre Türen geöffnet hat für künstlerischen Austausch auf allen Ebenen; Sie hat einfach ein Gastatelier eingerichtet und international besetzte Workshops angekurbelt, mit dem Ziel langfristig den internationalen Kulturaustausch zu verstärken.

Ausgerechnet die Kleene, das hat dich getroffen, denn schließlich ist das Mutter-haus hier in HH und das, findest du, sollte auch den neuen Wind bestimmen.

Hier soll der 90. Geburtstag hör- und sichtbar, symphonisch, krachen. Und einleiten sollte man dieses Jubiläum mit einem Fest jetzt, heute.
Ein Abschiedsfest für alte Zöpfe und ein Auftaktfest für neue Zeiten.

Und dann hörte ich dich sagen, mit einem Glas guten Rotweins in der Hand:
Wir müssen in uns mobilisieren, was mit den Worten Hannah Arendts, den Menschen auszeichnet: Die Fähigkeit immer wieder anfangen, experimentieren, ausprobieren, verwerfen zu können. Und wir müssen Neues in die Welt rufen, in politische Interaktion treten, was für Hannah Arendt fundamental für eine Vita activa war.

Gut, wenn du das wirklich willst, dann stehen jetzt als erstes Erkundungen auf dem Programm. Hast du eigentlich bequeme Kleidung, gutes Schuhwerk?

Denn es wird jetzt eine ganz schön harte Arbeit bedeuten, all die verschütteten, nicht tantenhaften Potentiale von dir freizulegen, das weißt du, oder?
Aber du hast mit aller Inbrunst vermittelt, dich den veränderten Gegebenheiten und deinen inneren wie äußeren Möglichkeitsräumen öffnen zu wollen. Jetzt sei die Zeit für neue Fragen an alte Antworten.

Nichts vormachen und nichts nachmachen, wolltest du, sondern mitmachen. Warum eigentlich die Stadtkuratorin nicht bei ihr gewesen wäre? Warum über-haupt die Jüngeren sich nicht mehr bewerben würden.

Bei denen aus der bildenden Kunst habe ich mal so ein bisschen rumgefragt, was sie denn von dir wüssten, ob sie dich denn auch treffen würden und mit dir Gemeinsames machen. Du wirst die Reaktionen verkraften können, ja? Denn eigentlich haben alle gesagt, ihr wäret euch selbst genug, die Vergangenheit zu stark, der Blick nicht geweitet. Eine Art „ausgekühlte Bedürfnisgruppe“ (Sloterdijk) Nicht neugierig, ihr bräuchtet keine_n.

Wenn du was mit anderen tun würdest, meine liebe Gedok, dann nur innerhalb der Verwandtschaft unter euch Schwestern. Ihr wolltet nicht teilen, hättet keine Erfahrung gemacht, das teilen nicht ärmer sondern vielfältiger macht. Ihr wolltet auch nichts wissen. Ich sollte mir das vorstellen wie der weibliche Rotary Club oder eine Loge. Gesellschaft zu verändern würde euch halt nicht interessieren. Theorie über die Verhältnisse auch nicht. Aber immerhin hättet Ihr neulich gegen TTIP aufgerufen.
Bedenklich für euch ist übrigens auch, dass alle denken, ihr würdet gut alimentiert und wolltet deshalb mit anderen nichts zu tun haben. Auch da solltet ihr aus eigenem Interesse aufklären.

Die erste Exkursion könnte Euch nach Berlin bringen, z.B. zu Goldrausch, einem Künstlerinnenprojekt das die Durchsetzung herausragender künstlerischer Positionen von Frauen fördert. Es ist ein unabhängiges berufliches Weiter-bildungsprojekt für Bildende Künstlerinnen, in dessen Rahmen ein einjähriger, postgradualer Professionalisierungskurs und offene Workshops stattfinden. Es wurde vor 25 Jahren von KünstlerInnen vom Senat erstritten. Arbeitsschwerpunkte die Förderung von Existenzgründungen von Frauen und die Vernetzung frauen-politischer Projektarbeit sind. Gefördert werden sie übrigens auch von der EU.

Außerdem sollt ihr Euch auch Zusammenhänge ansehen, die maßgeblich von Künstlerinnen mit initiiert wurden und sich ins Verhältnis zu Stadt setzen: Recht auf Stadt, haben und brauchen usw.
Du hast mich so neugierig gefragt nach _ dare the im_possible_, der Konferenz letzte Woche in Berlin, veranstaltet von dem Gunda Werner Institut und dem Missy Magazine. Ja, das war ermutigend, es war ein rauschendes kollektives Denk- und Vernetzungserlebnis, ich sage dir: Feminismus ist wieder en vogue, zieht sich durch die unterschiedlichen Themenfelder und wird wieder erotischer, que(e)rer, lauter, divers.

Und mehr als 326 Filmemacherinnen haben eine Initiative gegründet : pro quote Regie, nachdem sie 33 Jahre nach Einführung der 50% Quote durch Grünen festgestellt haben, dass es offenbar nicht nur um Qualität geht, wenn nur 10% aller öffentlichen Filmgelder an Filmen von Frauen gehen und das obwohl fast die Hälfte der Absolventinnen und Preisträgerinnen Frauen sind.
Das Beeindruckende an der Konferenz aber war, das die Grenzen zwischen unter-schiedlichen Auffassungen und geografischen Herkünften sehr fluide waren. Es war für alle ein Energiebad.

Aber du könntest auch mit öffentlichen Verkehrsmitteln hier in der Stadt eine Menge an neuen Netzwerken und weiblichem Aufbegehren treffen, wo sich die Grenzen zwischen Kunst, Wissenschaft und Aktivismus auflösen, wo Räume entstanden sind, die neuen Atem bedeuten.
Zu Fuß, kannst du zu der unmittelbaren Nachbarin aufbrechen, bildwechsel,
das seit 1979 existierende feministische Netzwerk und großartige Archiv von Künstler_innen und Aktivist_innen, mit einem Schwerpunkt in der Video- und Medienkunst und ihren jeweiligen Bewegungen, seit den frühen 70er, eingebettet in die internationale feministische Projektebewegung. Du kannst dort Stunden mit den wunderbarsten Videos verbringen.
Dann noch ins Gänge-Viertel, zu fux eg, Frappant, und eben schnell noch ein Treffen mit der Stadtkuratorin und ein Gang zum stillgelegten Wasserwerk am Falkensteiner Ufer. Aneignung von Stadt eben.

All diese Besuche werden deine anarchische, lustvolle, über die Stränge schlagende, also deine lange verborgene Seite, die neugierige, die auf Verän-derung setzende beleben und zur radikalen Durchlüftung deines Hauses führen, aber vor allem zur Durchlüftung deiner Wahrnehmung.

Und weißt du, meine liebe Gedok, das Tolle ist ja, dass du eine Hilfe im Haus hast, der du die deine Geschicke in die Hände gelegt hast, die sich professionell aufs Befragen und aufs Rauskriegen des Neuen versteht.

Sie wird dir einen Kongress | Workshop | o.ä. aufs Parkett legen, wo du mit all denen in ein komplizinnenhaftes Sprechen kommen kannst, über neue Strategien der Künste jenseits ihrer Vermarktung, aber auch über so problematische Sachverhalte wie die Tatsache, dass wir zu viel Künstler_innen ausbilden, von allem zu viel produzieren um die turbokapitalistische Produktions- und Distributionsweisen am Leben zu halten. Auch Kunst. Auch Kunst von Frauen.
Und es gehört auf den Tisch, dass das Leben von Frauen in den Kulturberufen überwiegend prekär ist, dass wir andere Wege beschreiten müssen, wenn wir
nicht nur Kunst machen, sondern Welt machen wollen, wie die Schriftstellerin Irmtraut Morgner gefordert hat.

Auch die Woolf hatte ja schon zu ihrer Zeit im Blick dass es für die Autonomie zweier Dinge bedarf: „Fünfhundert (Pfund) im Jahr und ein eigenes Zimmer“.
Das war auch damals kein Vermögen, doch sehr der Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen von heute sehr verwandt, die Höhe und kulturelle Absicht betreffend. Ein Auskommen das Unabhängigkeit von Ehe-männern oder Almosen bedeutete und heute auch bedeuten würde.
Daran hattest du dich auch wieder erinnert, meine liebe Gedok. Jetzt! Hoppla!
Das Fest heute ist also der Auftakt für eine Gedok reloaded. Was für ein schöner Einfall! Adrienne Goehler

Ein Gedanke zu “Der Gedok zum 89.

  1. Pingback: DAS FEST: Kunstforum der Gedok vom 25.10. bis 22.11.2015, Hamburg |

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